XX- . Buchdesign . 20082009

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Autoren: Elisabeth Hinrichs / Aileen Ittner / Daniel Rother
Reihe: Orange Files. Studien zur Grammatologie #1
Herausgeber: Julia Blume, Prof. Günter Karl Bose.
Institut für Buchkunst Leipzig 2009.
324 Seiten, 198 Abb. + 420 Zitate, Hardcover.
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K o n z e p t
Idee, Konzept und Gestaltung der Publikation XX- basieren auf einem Rechercheprojekt zur Visualität von Herrschaftssym- bolen im Nationalsozialismus und deren Erscheinen auf dem Kommunikationsmedium Schreibmaschine.
Das Buch XX- untersucht anhand von drei Themenkomplexen: FRAU, ZEICHEN, MASCHINE, wie Verwaltung, Kommunikation und Technik eine elementare Voraussetzung für das Funk- tionieren des Vernichtungsapparates der Nationalsozialisten bilden.

M e t h o d e
Das Spezifische an der Erzählweise des Buches ist die bewusst unkommentierte Konstellation von Text- und Bildfragmenten. Die verwendeten Textfragmente setzen sich aus zeitgeschicht- lichen Aussagen, Lexikaeinträgen, philosophischen, soziologi- schen, politischen sowie sprach- und kulturwissenschaftli- chen Standpunkten zusammen. Die Bildfragmente bestehen aus Werbe- und Propagandabildern der 30er und 40er Jahre sowie Akten der NS-Zeit aus dem Bundesarchiv.
Die Text-Bild-Fragmente stehen in dieser Konstellation einander gegenüber und treten in einen sich gegenseitig kontrastierenden, kommentierenden und ergänzenden Dialog.
Sie schaffen auf verschiedenen Ebenen teils direkte, teils assoziative Verbindungen.
Diese Struktur kann als eine Art Ring-Modell verstanden werden. Den engsten Ring beschreibt die Konstellation der Fragmente einer Seite. Dieser Ring lässt sich genauso auf eine Doppelseite, ein Kapitel oder das ganze Buch ausweiten. Die Thesen formulieren sich um einen Kern, der sich durch den Einfluss der verschiedenen Ringe während des Lesens verändern und erweitern kann. Das Ringmodell steht damit im starken Kontrast zu der gewöhnlichen linearen Lesart eines Buches. Diese Gebrauchsweise der Dokumente liefert eine mögliche Interpretation zeitgeschichtlicher Prozesse, ohne diese auf eine einzige Aneignung des Lesers zu beschränken.

I n h a l t
Das Buch teilt sich in die drei Kapitel: FRAU, ZEICHEN, MASCHINE. Allen gemeinsam ist die Frage, wie das politische System einer Diktatur, wirtschaftliche sowie technische Möglichkeiten und Gesellschaft einander bedingen.
Das Kapitel FRAU gibt einerseits eine Darstellung der Rolle der Frau als Stenotypistin und Ausführende an der Schreibmaschine, die den Bedingungen der Rationalisierung und der Monotonie des Arbeitsalltags unterliegt. Auf der anderen Seite wird ihr Status als Befehlsempfängerin und Mitwisserin im Nationalsozialismus hinterfragt.
Das Kapitel ZEICHEN analysiert die allgemeine Struktur von Zeichen als Kommunikationsmittel. Anhand der SS-Rune als visueller Träger der Ideologie wird die Bedeutung von Herrschaftssymbolen herausgearbeitet. Die Macht und Verbrechen der Nazis werden unter dem Blickwinkel der 'rationalen' Kennzeichnung der Opfer durch die SS-Organisation untersucht.
Das Kapitel MASCHINE stellt die Frage nach der Neutralität der Technik und untersucht anhand der Büroindustrie als Bereitstellerin der Schreibmaschinen das Verhältnis von Wirtschaft und Staat in einem diktatorischen System. Ebenso wird der mechanische Aspekt dargestellt – die Taste als scheinbar marginaler Auslöser aller Vorgänge und die Austauschbarkeit der Zeichen in Abhängigkeit des jeweiligen politischen Systems.
Die drei Kapitel werden ergänzt durch Exkurse, die sich mit Begriffen der Verwaltung, des menschlichen Massenverhaltens, der Schuld und des Archivs als Ort kollektiven Gedächtnisses und der Geschichte auseinandersetzen.

G e s t a l t u n g
Als eine Symbiose zwischen Akte und Buchkörper angelegt, verweist das Buch XX- auf seine Quellen: Archiv und Bibliothek. Äußerlich wie eine Akte anmutend, die Inhalt, Umfang und Archivsystematik wiedergibt, steht der innere Teil mit Buchblock, Decke, Umschlag und Klappen als Festeinband dagegen. Die Verwendung eines eingeklebten Schutzumschlages erinnert an die Handhabung in Bibliotheken, bei denen die Buchumschläge innen fixiert werden, um sie vor Abnutzung zu schützen. Die Buchdecke ist in einen starken Bibliotheksleinen eingeschlagen, in den der Titel und eine Signatur geprägt sind.
Mit diesem hybriden Erscheinen, das zugleich robust und fragil ist, entzieht sich das Buch einer eindeutigen formalen Zuschreibung.
Das Format DIN A4 des Buchblocks bezieht sich auf die Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommene Standardisierung der Papierformate und ermöglicht die Wiedergabe der Dokumente, Akten und Buchseiten in Originalgröße. Verschiedene Papiersorten und -farben, die scheinbar ungeordnet wechseln, reflektieren die unterschiedliche Herkunft der Dokumente im Buch, ähnlich der in einem Archivbestand.
Die inhaltliche und visuelle Lesestruktur des Buches bilden Schlagwörter, Blattsignaturen, Bild- und Textnummerierungen sowie 'Kapitelbestandskarten' und Quellennachweise. Sie binden die zusammengetragenen Text- und Bildfragmente in einen eigenen 'fiktiven' Archivbestand ein. Angeklammerte lose Einleger verweisen auf eine mögliche Unvollständigkeit des Bestands und fordern auf, dem Buch Material hinzuzufügen.
Die Auszeichnungsfarbe Orange macht als visueller Paratext inhaltliche Verknüpfungen sichtbar und hebt einzelne Dokumente hervor.
Die visuelle Gestaltung adaptiert Struktur, Erscheinung und Haptik von Archivgut, um die Visualität des Quellenmaterials dem Leser ebenso erfahrbar zu machen wie dessen Inhalt.
Die spezifische visuelle Sprache der Fragmente ist für den Inhalt bestimmend. Gestaltung und Inhalt bilden dabei eine sich bedingende Einheit: Die visuelle Form schreibt den Inhalt. Der Inhalt schreibt die visuelle Form. Ihre Kombination schafft eine inhaltliche wie visuelle Lesestruktur.

D i s k u s s i o n
Die Publikation XX- stellt eine sich selbst kommentierende visuelle Interpretation von Dokumenten und historischen Aspekten dar. Es versteht sich als Experiment, Geschichte zu lesen, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln zusammensetzt. Das Archiv und die Bibliothek, als sich ständig verändernde Orte des Aufgezeichneten, dienen hierbei als Quelle des Materials. Dabei ist der Leser als aktiver Akteur gefordert, sein Wissen und Vorstellungen mit dem konstellierten Material dessen Umgehensweise zu konfrontieren.
Haptik, Visualität und Gestaltung spielen für die Rezeption des Buches eine entscheidene Rolle. Der Analyse der Materialität folgend, haben sich die Autoren bewußt entschieden, die Gestaltung als Mittel einzusetzen, das Quellenmaterial in eine visuelle Sprache zu übersetzen. Visuelles Lesen und Verstehen bilden Vorrausetzungen, sich die Konstellation, Disposition und Struktur des Buches anzueignen.